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Die Rolle der Familie bei einer 24-Stunden-Betreuung: Eine kluge Aufgabenverteilung

In einer Gesellschaft, die zunehmend altert, rückt die Verantwortung der Angehörigen in der Pflege älterer Menschen immer stärker in den Fokus. Insbesondere dann, wenn eine 24-Stunden-Betreuung im häuslichen Umfeld notwendig wird, stellen sich viele erwachsene Kinder die schwerwiegende Frage: Was gehört weiterhin zu meinen Pflichten als Kind? Der Wunsch, die Eltern nicht allein zu lassen, kollidiert oft mit den Anforderungen des eigenen Lebens – beruflich wie privat. Wer heute in Deutschland pflegt oder eine Pflege organisieren muss, sieht sich einem komplexen Geflecht aus emotionaler Bindung, rechtlichen Verpflichtungen, finanziellen Belastungen und organisatorischen Herausforderungen gegenüber. Dieser Artikel widmet sich ausführlich der Rolle der Familienangehörigen bei einer 24-Stunden-Betreuung unter Berücksichtigung der sozialen, kulturellen und rechtlichen Realitäten in Deutschland. Ziel ist es, Orientierung zu bieten, Verständnis zu schaffen und praxisnahe Wege aufzuzeigen.

Demografische Entwicklungen und gesellschaftlicher Kontext

Deutschland steht vor tiefgreifenden demografischen Veränderungen: Der Anteil der über 65-Jährigen wächst kontinuierlich. Laut Statistischem Bundesamt wird im Jahr 2035 bereits jede dritte Person in Deutschland älter als 60 Jahre sein. Mit diesem Wandel steigt auch die Zahl der Pflegebedürftigen. Bezogen auf den Stand Ende 2021 waren rund 4,96 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes (SGB XI). Davon wurden etwa 80 % zu Hause betreut – überwiegend von Angehörigen oder in Kombination mit ambulanten Diensten.

Diese Entwicklungen fordern insbesondere die Familien heraus. Viele Kinder sehen sich emotional und moralisch verpflichtet, die Pflege der Eltern zu übernehmen. Gleichzeitig haben sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen verändert: Die Mehrheit der erwachsenen Kinder ist berufstätig, oft in anderen Städten lebend oder selbst mit der Erziehung eigener Kinder stark beansprucht. Diese Lebensrealitäten erfordern neue Konzepte und eine gerechte, kluge Aufgabenverteilung in der häuslichen Pflege.

Die emotionale Dimension der häuslichen Pflege

Zwischen Pflichtgefühl und Überforderung

Die Beziehung zwischen erwachsenen Kindern und ihren pflegebedürftigen Eltern ist meist geprägt von Dankbarkeit, Nähe und einer tiefen familiären Bindung. Das Bedürfnis, „etwas zurückzugeben“, ist weit verbreitet. Doch der Weg der häuslichen Pflege ist häufig nicht nur ein Ausdruck von Liebe, sondern auch eine Quelle körperlicher und seelischer Belastung.

„Pflegende Angehörige agieren häufig im Spannungsfeld zwischen Loyalität, Ohnmacht und Schuld. Sie wollen es allen recht machen – sich selbst, den Pflegebedürftigen und oftmals auch dem gesellschaftlichen Anspruch“, erklärt Dr. Ute Steinmann, Psychologin mit Schwerpunkt Gerontopsychiatrie in Köln.

Beziehungsdynamiken verstehen

Ein Pflegeverhältnis zwischen Eltern und Kindern verändert zwangsläufig die familiären Rollenbilder. Aus der Tochter wird eine Betreuerin, aus dem Sohn ein Koordinator von Arztterminen und Pflegeplänen. Nicht selten entstehen dadurch Konflikte, Reibungen und emotionale Verletzungen. Eine offene Kommunikation, möglichst schon vor dem Eintritt der Pflegebedürftigkeit, kann helfen, Erwartungen abzustimmen und Belastungen zu minimieren.

Gesundheitliche Aspekte: Wenn Pflege zur Dauerbelastung wird

Die Pflege eines Menschen rund um die Uhr erfordert nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch körperliche Zeitpräsenz. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Pflegeforschung (DIP) geben über 60 % der pflegenden Angehörigen an, unter chronischer Erschöpfung zu leiden. Rückenprobleme, Schlafmangel und depressive Verstimmungen sind keine Seltenheit.

Praktische Tipps zur Entlastung:

  • Regelmäßige Pausen einbauen – möglich durch Verhinderungspflege (bis zu 1.612 € jährlich, ggf. zuzüglich 806 € aus Kurzzeitpflegebudget)
  • Nutzung von ambulanten Pflegediensten zur punktuellen Unterstützung
  • Pflegekurse oder Gesprächsgruppen bei den Pflegekassen oder Wohlfahrtsverbänden
  • Rückgriff auf Familienpflegezeit oder Pflegezeitgesetz für berufliche Entlastung

„Regeneration ist nicht egoistisch, sondern notwendig. Nur wer selbst stabil bleibt, kann langfristig helfen“, betont Dr. Steinmann.

Organisationsstruktur und Aufgabenverteilung: Eine Notwendigkeit

Keine Aufgabe für eine Person allein

Eine funktionierende 24-Stunden-Betreuung gelingt nur durch eine kluge Aufgabenteilung unter den Familienmitgliedern und die Koordination mit professionellen Akteuren. Selbst bei nur einem pflegeverantwortlichen Kind ist es sinnvoll, kleinere Aufgaben – etwa Apothekengänge, Amtsbesuche oder die Organisation von Haushaltshilfen – auf weitere Angehörige, Nachbarn oder Freunde zu verteilen.

Struktur schaffen durch Pflegeplanung

Ein Pflegealltag braucht Struktur – auch, um professionelle Hilfe effizient zu integrieren.

  • Pflegegrad-Feststellung initiieren (Antrag bei der Pflegekasse)
  • Pflegeberatung nach § 7a SGB XI in Anspruch nehmen (kostenfrei)
  • Pflegeprotokolle und Medikamentenpläne führen
  • Zuständigkeiten in der Familie verbindlich definieren
  • Regelmäßige Pflegetreffen (persönlich oder digital) einführen

Finanzielle Verantwortung und Leistungen der Pflegeversicherung

Viele Familien fürchten die finanziellen Folgen einer langfristigen Pflege. In Deutschland ist die gesetzliche Pflegeversicherung eine Teilleistung – sie deckt nur einen Teil der tatsächlichen Kosten. Dennoch gibt es eine Vielzahl an Unterstützungsleistungen.

Wichtige Leistungen im Überblick:

  • Pflegegeld: Auszahlung an Pflegebedürftige bei häuslicher Pflege durch Angehörige (z. B. bei Pflegegrad 3: 545 € monatlich)
  • Pflegesachleistungen: für ambulante Dienste (z. B. bei PG 3: bis zu 1.363 € monatlich)
  • Kombinationsleistung: Kombination aus Sachleistung und Pflegegeld anteilig
  • Entlastungsbetrag: 125 € monatlich zweckgebunden (z. B. Haushaltshilfe, Alltagsbegleitung)
  • Verhinderungspflege: bis zu 1.612 € pro Jahr bei zeitweiser Abwesenheit der Hauptpflegeperson
  • Kurzzeitpflege: für stationäre Übergangslösungen (bis zu 1.774 € für max. 8 Wochen jährlich)

Außerdem bestehen Möglichkeiten zur steuerlichen Entlastung (z. B. außergewöhnliche Belastungen nach § 33 EStG oder haushaltsnahe Dienstleistungen).

Rechtliche Pflichten und Grenzen der familiären Pflege

Das Bürgerliche Gesetzbuch (§ 1601 BGB) regelt die Pflicht zum Unterhalt zwischen Verwandten in gerader Linie. Jedoch wurde mit dem Angehörigen-Entlastungsgesetz (2020) festgelegt, dass Kinder bis zu einem Jahresbruttoeinkommen von 100.000 € keinen Elternunterhalt mehr zahlen müssen. Gleichzeitig wird deutlich: Die Pflegeverantwortung ist keine juristische Pflicht, sondern primär eine menschliche und soziale.

Pflicht zur Organisation, nicht zur Durchführung

Kinder sind rechtlich nicht verpflichtet, selbst zu pflegen – wohl aber, die Organisation sicherzustellen, sofern keine andere Person oder Institution zuständig ist. Dazu gehört:

  • Stellen von Pflegeanträgen
  • Organisation von Heimplätzen oder Betreuungspersonal
  • Erfüllung rechtlicher Auflagen (z. B. MPG, Datenschutz bei Dokumentation)

„Pflege ist weniger die individuelle Pflicht zur Aufopferung als eine gesellschaftliche Aufgabe, die verlässlich koordiniert werden muss“, sagt Dr. Tobias Rehm, Pflegejurist aus Hamburg.

Formen der 24-Stunden-Betreuung: Möglichkeiten und Herausforderungen

Modell 1: Betreuung durch osteuropäische Haushaltshilfen

In Deutschland weit verbreitet ist die 24-Stunden-Betreuung durch osteuropäische Betreuungskräfte. Diese leben im Haushalt der Pflegebedürftigen und übernehmen Grundpflege sowie Haushaltsführung.

Vorteile:

  • Kontinuität im Alltag
  • Verbleib in vertrauter Umgebung
  • Entlastung der Familie

Herausforderungen:

  • Arbeitsrechtliche Grauzonen (EU-Entsendung, Scheinselbständigkeit)
  • Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede
  • Keine medizinische Behandlungspflege erlaubt

Modell 2: Ambulante Pflegedienste

Zahlreiche Pflegedienste bieten Leistungen nach SGB XI und SGB V an. Sie versorgen Pflegebedürftige mehrmals täglich mit medizinischer Hilfe und Grundpflege, jedoch nicht im Wohnsystem 24/7.

Modell 3: Stationäre Pflege (Pflegeheime)

Für viele Familien der letztmögliche Schritt – insbesondere bei schwerster Pflegebedürftigkeit, Demenz oder starkem Überwachungsbedarf.

Vorteil: Rund-um-die-Uhr-Pflege durch Fachpersonal.

Nachteil: Oft hohe Eigenanteile (> 2.000 € mtl.), emotionale Distanz, begrenzte Plätze.

Tipps für eine kluge Aufgabenverteilung in der Familie

  • Offene Gespräche im Familienkreis über Erwartungen, Möglichkeiten und Grenzen führen
  • Ein Pflege-Team bilden – auch wenn nicht alle physisch präsent sind (digitale Tools nutzen!)
  • Aufgaben klar definieren: Wer führt Buchhaltung? Wer organisiert Termine? Wer ist Ansprechpartner für Behörden?
  • Regelmäßige Evaluation: Was funktioniert? Was erzeugt Stress? Wo braucht es Entlastung?

„Pflege ist Teamarbeit – und gute Teams sprechen miteinander, nicht nur nebeneinander her“, sagt Michaela Grundmann, Pflegeberaterin bei der AOK Bayern.

Fazit: Pflege muss nicht allein gelingen – aber gemeinsam gedacht werden

Die Betreuung älterer Angehöriger im Rahmen einer 24-Stunden-Betreuung ist eine der größten Herausforderungen für Familien. Emotionale Bindungen, moralische Vorstellungen, organisatorischer Aufwand und rechtliche Voraussetzungen bilden ein Geflecht, das Zeit, Wissen und Klarheit erfordert. Es ist weder egoistisch noch verantwortungslos, externe Hilfe in Anspruch zu nehmen – im Gegenteil: Pflege gelingt vor allem dann, wenn sie vorausschauend organisiert und solidarisch getragen wird.

Erwachsene Kinder stehen nicht allein in dieser Aufgabe. Angebote wie die kostenfreie Pflegeberatung der Krankenkassen, Ehrenamtliche Besuchsdienste, spezialisierte Pflegedienste sowie steuerliche Erleichterungen können unterstützend wirken. Es lohnt sich, das Gespräch mit Fachstellen zu suchen und frühzeitig Informationen einzuholen.

Pflege ist nicht nur eine Frage der Liebe – sondern auch der Verantwortung im besten Sinne: Für das Wohl des zu pflegenden Menschen, aber auch für das eigene Leben. Wenn Aufgaben klar verteilt sind, Belastungen ehrlich benannt und Möglichkeiten professioneller Hilfe eingebunden werden, kann häusliche Pflege gelingen – warmherzig, würdevoll und gemeinsam.

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